Afternoon Tea – Wie ein Getränk britische Geschichte spiegelt

Die Briten sind wahrscheinlich das einzige Volk im Westen, die eine eigenständige Teekultur entwickelt haben, die den Alltag und die Kultur durchdringt. Und wenn wir von britischer Teekultur sprechen, dann drängt sich ein Stichwort sofort auf: der Nachmittagstee. Tea time, genauer der Five-o’clock-Tea, ist auch Nichtbriten bekannt. Aber woher genau kommt eigentlich diese so britische Tradition, die ja keinesfalls traditionell britisch sein kann?

Getränk aus dem Fernen Osten

Tee, das ist allgemein bekannt, hat seinen Ursprung in Asien, vor allem in den Teegebieten Chinas und des höher gelegenen Indiens. Von hier breitete sich das Getränk zuerst im Fernen Osten aus und kam auch im 12. oder 13. Jahrhundert in den Nahen Osten. Historische Gründe versagten es hier dem Getränk, weiter nach Westen – nach Europa – zu stoßen. Erst die Entdeckungsfahrten europäischer Seeleute, Händler, Missionare und Abenteurer machten diese mit dem Tee bekannt. Einer der ersten Engländer, die den Tee genossen haben dürften, ist Will Adams, jener Seefahrer, der an die Küsten Japans gespült wurde und im Land der aufgehenden Sonne eine neue Heimat fand. Es dürfte allerdings auch im Japan des 17. Jahrhunderts nicht schwierig für ihn gewesen sein, Tee zu bekommen.
In England dagegen war Tee im 17. Jahrhundert eine Rarität und damit sehr teuer. Das Getränk konnten sich nur Adelige leisten und selbst da nur die wohlhabendsten. Aufzeichnungen aus Tagebüchern legen nahe, dass es allerdings durchaus zu kaufen war. Britannien besaß in dieser Zeit noch kein Weltreich und der Tee jener Zeit wurde über Portugiesen und Spanier, später von Holländern (da haben auch die Friesen ihren Tee her) bezogen. Tee war teuer und beliebt in der von Damen dominierten Oberschicht am Königshofe, aber hatte eben den Nachteil, dass er über die Handelskanäle der mit den Engländern verfeindeten Portugiesen und Spanier nach Europa kam. Dementsprechend war Tee keineswegs ein Alltagsgetränk und selbst die britische Adelsschicht hatte nur bedingt Zugang zu dem heißen Getränk.

Eine Münze der britischen Ostindien-Kompanie. Erst ab dem 18. Jahrhundert konnten sich immer breitere Teile der britischen Gesellschaft Tee leisten.

Tee wird erschwinglich

Dies änderte sich im 18. Jahrhundert, denn Britannien begann nun, selber Kolonien in Asien zu besitzen. Die britische Kolonialzeit begann natürlich früher, aber erst mit Indien als Kolonie und dem Zugang zu China, beides erst im 18. Jahrhundert erfolgt, konnte sich Britannien einen Zugang zum Tee sichern. Er war dennoch teuer, da er über China bezogen werden musste. Mit Indien als Kolonie konnten sich die Briten aber erfolgreich in das Teegeschäft einklinken und im Norden Indiens Teeplantagen anpflanzen. Mit der eigenen Teeproduktion wurde das Getränk nun erschwinglicher und breitete sich in Europa aus. Tee und Kaffee fanden reißenden Absatz, nicht nur beim Adel, sondern auch dem aufstrebenden Bürgertum und sogar bei den Bauern und der neuen Arbeiterschicht, die in der Industriellen Revolution entstanden war. Kaffee war den Damen am Hofe jedoch oft zu bitter und zu aufputschend, so dass er sich im Adel nur bedingt durchsetzte. Das klassische Getränk war der Tee.

Tee – ein Getränk der Massen

Bis ins 18. Jahrhundert waren – neben Wasser – eigentlich nur Wein und Bier als Getränke bekannt. Während der Rennaissance galt warmes Schwarzbier, das nur wenig Alkoholgehalt besaß, als Frühstücksgetränk. Kaffee und Tee verdrängten diese als „mittelalterlich“ und „barbarisch“ verschrienen Morgengetränke zunehmend. China, das wussten Adel und Bürgertum, war eine klassische und uralte Zivilisation, die im Fernen Osten lag – exotisch und geheimnisvoll. Durch den Genuss der täglichen Tasse Tee konnte man diese Exotik ausleben. Nicht nur der chinesische und indische Tee fanden reißenden Umsatz, sondern auch die chinesische bzw. asiatische Kultur. Einhundert Jahre später sollte sich dies wiederholen, als Japan in den Blick der europäischen Kulturmächte geriet. Aber der Adel des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts frönte dem Tee in Chinesischen Pavillons und Salons und begeisterte sich für diese exotische Kultur des Fernen Ostens. Der sehr erschwingliche Assam-Tee Indiens wurde zu einem beliebten Getränk des Bürgertums und der Arbeiter.

Tee und Teekultur

Bis hierhin war die Rede nur vom Tee als Getränk und nicht von der Teekultur, insbesondere der des Afternoon Tea. Tee als Getränk war ja überall in Europa bekannt, vor allem im Adel. Auch in Preußen und Schweden, am russischen Zarenhof und den Fürstenhäusern der Klein- und Kleinststaaten war das Getränk bekannt und beliebt. Warum aber bildete sich denn nun diese so eigenständige Kunst des Tees auf den britischen Inseln aus? In keinem anderen europäischen Land wurde dem Tee so viel Beachtung zuteil wie in Großbritannien. Hier sind zwei Antworten möglich. Eine größere, historische und längerfristige Entwicklung auf den britischen Inseln sowie ein Ereignis aus dem 19. Jahrhundert, das als Ausgangspunkt einer Entwicklung anzusehen ist und mit einer bestimmten Person verbunden ist. Wir beginnen unseren Exkurs mit dem zweiten und schließen dann damit ab, dies in den größeren historischen Kontext zu legen.

Beim Besuch auf Belvoir Castle soll Anna Maria Duchess den Afternoon Tea erfunden haben

Afternoon Tea, eine erfundene Tradition der Anna Maria, Duchess of Bedford?

Die britische Tradition verbindet den Beginn des Afternoon Tea mit der Duchess of Bedford, Anna Maria. Sie wurde 1783 geboren und heirate innerhalb des britischen Adels, so dass sie einigem Wohlstand kam. 1837 wurde sie Hofdame bei Queen Victoria. Tea, also eine Teemahlzeit, war zu jener Zeit bereits bekannt, aber es war eher ein Tee, der abends mit einer Mahlzeit gereicht wurde. Jene Anna Maria soll, so sagt die Legende, während eines Aufenthaltes auf dem Lande ein wenig hungrig gewesen sein – und das an einem Nachmittag. Bis zum Abendessen war es noch ein wenig hin und so hatten ihr die Bediensteten in dem kleinen Landschlösschen einige belegte Brote, Scones und Tee serviert – und da es außerhalb der streng geregelten Abendessen passierte, war es eben auch sehr informell – in Großbritannien wird der Nachmittagstee auch als Low Tea bezeichnet, da er auf niedrigen Tischen serviert wird, während der Standardtee (High Tea) des Abends an einem Bankett- oder Esstisch gereicht wurde (mit dazugehöriger Kleidung und Benehmen). Ihr gefiel dies so sehr, dass sie dies nicht nur täglich wiederholte, sondern auch Freunde und Bekannte dazu einlud. Als Hofdame der Königin hatte sie nicht nur Zugang zu Queen Victoria, sondern genoss auch selber großes Ansehen. Und so ahmten immer mehr Adelige dies nach – bis auch das Bürgertum und schließlich die Arbeiterschicht dieses Ritual in den Alltag aufnahmen. Ob Anna Maria, Duchess of Bedford, wirklich die Urheberin dieses doch so britischen Alltagsrituals war, ist unter Historikern jedoch umstritten. Tee war, wie wir gelesen haben, durchaus schon bekannt und beliebt.

Warum Tee?

Dass Anna Maria, Duchess of Bedford, ihren nachmittäglichen Tee eingenommen hat, ist durchaus belegt. Ob sie ihn erfunden hat, nicht. Dennoch lässt sich die Tradition des britischen Afternoon Tea eindeutig aus dem Adel heraus erklären. Tee war im Adel sehr beliebt und wurde, gemäß der britischen Etikette, stets ritualisiert getrunken. Im Gegensatz zu den Ländern des Kontinents war der Adel sehr beliebt und geachtet. In Frankreich nach der Revolution war der Adel eher weniger respektiert und auch in den deutschen Königreichen und Fürstentümern des 19. Jahrhunderts war man dem Adel eher feindselig oder zumindest kritisch gegenüber eingestellt. In Großbritannien bildete der Hof, der Königshof im Zentrum sowie die kleineren Höfe der adeligen Lords und Ladies, auch das kulturelle und zivilisatorische Zentrum. In Deutschland entwickelte sich vieles nicht aus der Adelskultur, sondern aus der des Bürgertums heraus. In England war dies eben anders. Das Bürgertum , ja sogar die Arbeiter, übernahmen vieles vom Adel. So konnte auch der „einfache Mann“ am adeligen Alltag teilhaben und sich zudem noch an der Exotik des Fernen Indiens oder Chinas berauschen.

Die Briten lieben ihren Tee

Tee war in Großbritannien nicht einfach nur ein Getränk, sondern eben ein Lebensgefühl und Ausdruck der Zivilisation. In Deutschland dagegen konnte sich das Getränk so gar nicht durchsetzen, da es eben vor allem im Adel beliebt war. Die Briten dagegen nahmen durch Übernahme des Afternoon Tea am Leben der britischen Elite teil. Und so übernahm man eben nicht nur die Beliebtheit des Tees, sondern auch die steifen Regeln des Adels zum Teetrinken. Dies erklärt auch, warum vor allem der Nachmittagstee, also der Low Tea, im Volk so große Beliebtheit bekam: Er ist ja bereits informell, auch wenn der durchaus noch vielen adeligen Gepflogenheiten folgte. Aber die Regeln des Low Tea beziehen sich mehr auf die Art und Weise der Zubereitung des Tees sowie der dazu gereichten kleinen Mahlzeiten und nicht, wie beim High Tea, auf die Kleidung und Konversation. Und nachdem Bürgertum und Arbeiter die Teekultur übernommen hatten, wurde diese natürlich auch den Umständen entsprechend angepasst. Heute verbinden viele Briten mit dem Nachmittagstee keine adelige Lebensweise mehr, sondern vor allem die Quintessenz des Britentums. Und tatsächlich, was kann es britischeres geben als eine gepflegte Tasse Tee und dazu gereichte Scones am späten Nachmittag?

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